Donnerstag, 28. August 2014

Zurück in der Heimat

Nun bin ich wieder da.
Nach 10 Tagen Rückreise über die Türkei, Griechenland und Italien, bin ich wieder in Deutschland gelandet und das Leben geht einfach weiter. Ich bin froh nicht direkt von Tel Aviv nach Köln geflogen zu sein, sondern 10 Tage gehabt zu haben, in denen ich langsam zurückfahren durfte, mit Schiff, Bus und Bahn. Ein wenig Zeit, um das zu reflektieren, was in einem Jahr geschehen ist. Was habe ich gelernt? Was nehme ich mit? Welche Fragen regen sich in mir?
Ich hatte 10 Tage und jetzt bin ich wieder in Deutschland. Es ist schön hier. Ich mag Deutschland. Freunde sehen. Familie treffen. Deutsch sprechen. Deutsche Brötchen und deutsches Brot. Das Leben nimmt wieder Fahrt auf, wenn auch langsam. Bald geht es für mich nach Leipzig, denn dort werde ich mein Hauptstudium fortsetzen. Mietvertrag, Möbel, Umzug. Vieles ist zu planen und doch mag ich noch nicht wieder ganz hier sein. Will nicht einfach hinter mit lassen, was war. Will mehr als 10 Tage, um mich zu Fragen, was eigentlich passiert ist. Zum Glück habe ich Bilder, die noch nicht alle sortiert sind und Menschen, die mich fragen, wie ich die letzte Zeit erlebt habe.

Ich will gar nicht weiter davon schreiben, sondern gerne darüber sprechen. Wer auch immer daran interessiert ist, kann mich gerne fragen, Bilder sehen und hören, was ich erlebt habe.

Danke an alle, die hier fleißig mitgelesen haben. Danke für Gebete, Nachrichten und was auch immer alles.


Ich schließe das Ganze mit ein paar Gedankenfetzen, Stichworten über das, was mich noch weiter beschäftigen wird:
1) Was ist eigentlich das Judentum, mit dem wir (in dem Fall die evangelische Kirche) Dialog haben wollen? Sind es die orthodoxen, die aber bitte doch weltoffen, lieberal und feministisch sein sollen? Ihren Glauben leben, aber doch keine Theologie vertreten, in denen ihnen das Land in dem sie leben auch heute noch von Gott verheißen ist? Wollen wir auch mit den säkularen Juden reden oder lassen wir sie einfach unbedacht unter den Tisch fallen, wenn wir von jüdisch-christlichem Dialog reden?  Und was ist mit den Juden, die an Jesus glauben (Ja, auch das gibt es!) - sind das keine Juden mit denen wir reden wollen?
2) Ich habe Hebräisch gelernt.
3) Irgendwie hat doch jeder seine Mission. Bei den einen ist es das Evangelium Jesu (beiweilen auch an Juden), was sie der Welt wünschen, bei den anderen ist es Feminismus und bei den nächsten ein IPhone oder Ähnliches. Warum ist manches gesellschaftlich akzeptiert und anderes nicht?
4) Es ist nicht einfach Ausländer zu sein, selbst wenn die Leute freundlich sind.
5) Wie sähe es wohl in Deutschland auf den Straßen aus, wenn alle Christen ein sichtbares Symbol wie die Kipa tragen würden? Und warum ist Religion in Israel etwas ao alltägliches, was einem ständig begegnet, hier in Deutschland aber oft ein Tabuthema, "Privatsache"?
6) Wieso werden so viele auf einmal zu Idioten, wenn es um Israel und Palästina geht? Kaum einer in Deutschland kann verstehen, was es heißt Jahrhunderte lang immer verfolgt zu werden (Juden) und kaum einer kann verstehen, was es heißt von allen verraten und vergessen zu werden (palästinensische Flüchtlinge) und doch meinen so viele zu wissen, wie der Laden läuft oder eigentlich zu laufen hätte.
7) Paulus lebte in einer gedanklich ziemlich anderen Welt als wir.
...

Freitag, 4. Juli 2014

Entführungen, Ermordungen, Erwartungen

Zuerst einmal: Mir geht es gut und ich bin in Sicherheit. Ich passe auf, was ich tue und lasse.

Viele von euch werden es in den letzten Wochen mitbekommen haben. Zunächst wurden drei israelische Jugendliche entführt, dann nahm die israelische Armee einige Häuser, besonders in und um Hebron auseinander, um die Jugendlichen zu finden und Mitglieder der Terrororganisation Hamas festzunehmen. Dann fand man die Jugendlichen tot auf und kurz darauf wurde ein palästinensischer Jugendlicher tot aufgefunden, der vorher offenbar ebenfalls entführt wurde und daraufhin gab es Straßenschlachten in einigen Stadtteilen im (arabischen-)Ost-Jerusalem.
Es ist verrückt, das alles um einen herum mitzubekommen und doch irgendwie nicht davon betroffen zu sein. Es ist verrückt, wie die Entfühung die israelischen Nachrichten und die Gesellschaft die Wochen der Suche in Atem hielt. Und es ist verrückt, was so eine Entführung (die ohne Frage schrecklich ist und grausam und deren Familien Beistand gegeben werden muss und die Täter vor Gericht gestellt gehören, das steht überhaupt nicht zur Diskussion) für ein Echo mindestens in der westlichen Welt auslöst. Viele westliche Staaten verurteilten die Entführung der drei jungen Juden, deren Mütter sogar vor dem UN-Menschenrechtsrat sprachen. Würde das bei anderen Entführungen auch passieren? Ich will das gar nicht werten, es zeigt nur wiedereinmal wie sehr diese Region der Erde im Fokus steht.

Zum Verzweifeln:
Am Tag nach der Auffindung der drei Toten gab es eine Demonstration, nicht weit von meiner Haustür entfernt. Dort skandierten einige sehr rechte Israelis schreckliche Parolen, in denen sie die Tötung von Arabern forderten. Die Polizei nahm mehrere Leute fest oder in Gewahrsam. Im Internet gibt es Bilder, auf denen in Hebräisch steht: "Araber hassen ist kein Rassismus, sondern ein (moralischer) Wert." In Deutschland würde ich mir überlegen, ob ich das nicht zur Anzeige bringe. In Erinnerung an die drei Jungs wurde bereits eine neue Siedlung ausgerufen, wobei ich bei dieser nicht weiß, ob sie legal oder illegal ist. Ich vermute eher Letzteres.
Am Tag nach der Demonstration wurde am Morgen der tote palästinensische Junge gefunden. Viele vermuten, dass es eine Tat extrem rechter Israelis war. Politiker versuchten zu beruhigen, indem sie die Tat verurteilten und Netanjahu forderte alle Seiten dazu auf, das Recht nicht in die eigene Hand zu nehmen. Hoffentlich wird es schnell aufgeklärt und ebenso behandelt, wie der Mord an den drei jungen Juden.
Am gleichen Tag rasten besonders junge Palästinenser in Ost-Jerusalem aus. Vermummen sich, werfen Steine auf die Polizei, zerstören vollkommen die Haltestellen der Straßenbahn. Und im Netz gibt es ein Bild mit dem Slogan: Arabische Mütter sammeln Steine für ihre Kinder (die die dann auf die isralische Polizei werfen). Auch die Bilder von vor mehreren Tagen aus Gaza und anderen Orten von freudigen Palästinensern, als die Entführung der drei bekannt wurde, sind nur zum verzweifeln.

...und zum Bewundern:
Aber es gibt auch Positves, wieder einmal. Das darf nicht untergehen! Sie sind zu bewundern, die Israelis, die auf die Straße gehen, demonstrieren für ein Ende der Gewalt auf allen Seiten. Auch eine solche Demo fand nicht weit von meiner Wohnung statt. Heute soll ebenfalls eine in Tel Aviv sein. Es ist zu bewundern, dass die Mutter einer der drei Jugendlichen nach dem Mord an dem Palätinenser sagt, dass Blut Blut ist und Mord Mord.
Sie sind zu bewundern, die Väter, die sich in Hebron und an anderen Orten versuchen vor ihre Kinder und andere Jugendlich zu stellen, sie anschreien, dass sie aufhören sollen Steine zu werfen oder noch Schlimmeres.
Sie alle sind die wahren Helden dieser Tage und nicht die radikalen auf beiden Seiten, die meinen durch Gewalt stark zu sein und etwas erreichen zu können. Die Welt verändert sich nicht durch Gewalt, Macht und Hass. Sondern durch Demut, mitgetragener Trauer und Barmherzigkeit. Nicht durch das vermeintlich Starke, sondern durch das vermeintlich Schwache. Davon bin ich überzeugt und davon ist der Gott an den ich glaube überzeugt, der uns genau das am Kreuz zeigt. Aber was kann ich schon sagen? Was weiß ich schon vom Leben als reicher und in Sicherheit lebender Europäer? Als einer, der sich noch nie wirklich Gedanken um etwas zu machen brauchte, wie es die Menschen in diesem Land/diesen Ländern tun müssen.

Erwartungen:
Heute ist die Beerdigung des toten arbischen Jungen. Heute ist Freitag, der muslimische Feiertag. Es ist Ramadan, der muslimische Fastenmonat. Alles drei deutet leider darauf hin, dass es heute zu gewaltsamen Aufeinandertreffen von israelischer Polizei/Militär und Jugendlichen Palästinensern kommen wird. Nach Augen- und Ohrenzeugenberichten, die ich aus erster Hand habe, gab es dies auch schon in den letzten Nächten. Es bleibt nur abzuwarten, zu hoffen und zu beten.

Wer mehr wissen will oder das Ganze weiter verfolgen will:
http://blog.br.de/studio-tel-aviv/2014/07/01/liveblog-zur-lage-nach-der-ermordung-der-drei-jugendlichen.html
http://blog.br.de/studio-tel-aviv/2014/07/01/videos-zur-lage-nach-der-ermordung-der-drei-jugendlichen.html

Freitag, 30. Mai 2014

Tent Of Nations oder Der Versuch nicht zu hassen

Die Familie Nassar hat eigentlich ziemliches Glück und einen schlauen Großvater gehabt. 1916 kaufte er - damals noch im osmanischen Reich - Grund und Boden und erhielt dafür amtliche Papiere. Eigentlich nichts ungewöhnliches, denkt man sich. Doch dass jemand in den palästinensischen Gebieten, also der Westbank und dem Gaza-Streifen, Dokumente hat, die belegen, dass der Boden, auf dem man seit Generationen lebt einem wirklich gehört, ist selten. Früher ging das in diesen Breitengeraden per Handschlag. Ein schriftlicher Vertrag war selten. Heute ist er Gold wert.

Stein am Eingang des Geländes
Auf dem Hügel (950m über NN) im judäischen Bergland, etwas südlich von Bethlehem steht das "Tent Of Nations". Die palästinensisch-christliche Familie Nassar versucht unter diesem Namen Friedensarbeit zu leisten. Jedes Jahr kommen viele Volontäre und Unterstützer aus aller Welt Länder, die dabei helfen die Ernte einzuholen - von Oliven über Trauben bis Zwiebeln ist alles dabei - neue Bäume pflanzen und Begegnungen mit vielen anderen Menschen zu haben. Auch jüdische Israelis kommen immer wieder. Es ist der Familie Nassar wichtig zu wissen, wer da "auf der anderen Seite" ist und sie wollen zeigen, wer sie sind. Sie möchten mit ihren Nachbarn in Frieden leben und Begegnungen haben, hier im Tent Of Nations, dem "Zelt der Nationen".

"Die andere Seite" ist hier auch gar nicht weit weg, da die Hügel rund um das Tent Of Nations vor allem mit jüdischen Siedlungen und israelischen Militärposten bebaut sind. Leider kommen diese Nachbarn jedoch nur selten bis gar nicht vorbei und wenn, dann nicht, um einander friedlich zu begegnen und sich kennen zu lernen.
Vor 23 Jahren, 1991, hat die Militärbehörde beschlossen, dass das Land der Familie Nassar nun Staatsland sei. Sofort zog die Familie los, um vor dem zuständigen Gericht, dem israelischen Militärgericht, dagegen zu klagen. Der Richter war wohl etwas verwundert, dass sie wirklich ein Dokument hatten, welches bestätigte, dass sie die rechtmäßigen Besitzer des Hügels sind und so bekamen sie schließlich Recht und ihr Land durfte nicht enteignet werden. Doch die radikalen jüdischen Siedler ringsherum versuchten dennoch sie zu vertreiben. Immer wieder gab es versuche eine Straße mitten durch ihr Gelände bauen zu lassen. Vermutlich, um dann einen so genannten "illegalen Außenposten" an dieser zu bauen, also eine kleine Siedlung mit einfachen Wohncontainern, die zwar gegen das israelische Gesetz verstoßen, jedoch vom Staat bzw. Militär meist geduldet werden. Doch auch dagegen setzten sie sich erfolgreich, juristisch zur Wehr.
2002 war der bisher letzte Angriff, leider auch einer der stärksten. Radikale Siedler zerstörten 250 Olivenbäume. Doch es gab einen Lichtblick. Eine jüdische Organisation aus England bekam davon mit und spendete 250 neue Bäume, die sie prompt auch einpflanzte.
Straßensperre mal anders: Große Felsen auf der Straße.
Während der zweiten Intifada (2000-2005) wurde aus "Sicherheitsgründen" eine der Straßen zum Hügel vom Militär versperrt. Bis heute ist dies nicht aufgehoben und die Familie muss einen Umweg von 20km fahren, wenn sie nach Bethlehem wollen, wo sie ein Haus haben, da die Kinder dort zur Schule gehen und sie Dinge auf dem Markt verkaufen können.
Wäre das alles, nun gut, vielleicht könnte man es noch aushalten. Aber damit nicht genug. Vor vielen Jahren stellten die Nassars Zelte auf ihrem Gelände auf, um darin Volontäre unterzubringen. Promt kam ein israelische Beamter vorbei und erklärte, dass dies eine illegale Baumaßnahme wäre (Zelte!). Daoud Nassar fragte, ob das für alle gelten würde, für Israelis und Palästinenser. Die Antwort war ja. Daraufhin fragte er, warum denn dann auf dem Hügel gegenüber die Siedler einen illegalen Außenposten bauen dürften, woraufhin die Antwort war, dass dies nicht sein Thema wäre. Wieder zogen sie vor Gericht. Immer wieder neue Prozesse ziehen sich nun schon seit 23 Jahren hin. 10 Jahre vor dem Militärgericht. Und seitdem vor dem Obersten Gericht Israels.
Aber auch anderweitig werden keinerlei Baugenehmigungen von der israelischen Militärverwaltung erteilt. Zum Glück haute einer ihrer Vorfahren mehrere Höhlen in den Stein, in denen bis heute Volontäre wohnen und die als Aufenthaltsräume dienen. Aber auch diese Höhlen sollen illegal sein.
Dazu bekommen sie weder Wasser noch Strom geliefert. Seit 2 Jahren haben sie Solarzellen, die ein Deutscher anbrachte. Wasser bekommen sie aus riesigen Zisternen, die insgesamt bis zu 600.000 Liter Regenwasser fassen können. Sie schlagen sich durch, irgendwie.
Vor einiger Zeit kam ein Angebot von den Siedlern, dass sich die Nassars einen Betrag aussuchen könnten, zu dem sie das Gelände verkaufen wollen. Sie lehnten ab, aus Prinzip. Sie wollen ihre Mutter-Erde nicht aufgeben, ihren Erbbeseitz, den Traum eines Friedensprojektes, den schon ihr Vater hatte.
Sie sollen weg, offenbar mit allen Mitteln, egal wie, damit dies endlich "Staatsland" wird und hier eine Siedlung entstehen kann.

Unten im Tal standen die Bäume.
Und jetzt das Neuste. Letze Woche wurden 1500 Bäume einfach mit Bulldozern vom Militär plattgewalzt. Das Gelände auf dem sie standen sei Staatsland. Die Ankündigung dazu bekamen die Nassars nicht persönlich, sondern sie war einfach auf dem Feld abgelegt. Hätten sie sie übersehen, hätten sie Pech gehabt. Doch sie fanden sie und zogen rechtzeitig vor Gericht, doch der Abriss wurde dennoch einfach durchgezogen, illegal. Morgens um 4h kamen sie, die Menschen aus dem Nachbardorf merkten es und riefen an. Um 7:30h war der Spaß vorbei. Die Bäume alle weggeräumt, in einem Graben oder verscharrt.

Es kling, wenn ich so schreibe, wie ein schlechter Film, aber gestern war ich da, gemeinsam mit der Deutschen Erlöserkirche zum Solidaritätsbesuch.

Und es gibt auch immer wieder Lichtblicke. Viele gute Kontakte zu jüdischen Israelis, die sie unterstützen. Juden, die vorbeikommen, um mit zu helfen. Ein Siedler, der nach einem Besuch aus der Siedlung auszog und Friedensaktivist wurde. Und für nächste Woche hat sich ein Rabbi mit 10 Leuten aus einer der Nachbarsiedlungen angekündigt. Hoffen wir das es Verstehen bringt.
Und hoffen wir, dass die Nassars weiter solche Dinge sagen und vor allem leben, wie: "Wir weigern uns Feinde zu sein." "Ich möchte nicht meine Hand an den Pflug legen und zurückschauen." "Hassen ist leicht, aber wir wollen auf die Gewalt mit Liebe antworten." Und dabei ihr Ziel mehr und mehr Wirklichkeit wird: Brücken bauen zwischen Menschen.




Ein Jude und ein Palästinenser begegnen sich. Gebaut aus Scherben.

Bekämpfe Gewalt mit Liebe





Artikel Südwest Presse: http://www.swp.de/ulm/nachrichten/politik/Dann-rollten-die-Bulldozer;art4306,2615631

Dienstag, 13. Mai 2014

Wenn McDonald's seine Brötchen aus Kartoffelmehl macht

Ups, jetzt hab ich im April nichts gepostet. Aber dafür geht es heute um etwas, das im April war.

Tja ja, "Wenn McDonald's seine Brötchen aus Kartoffelmehl macht", dann muss wirklich was passiert sein. Aber nein, es ist keine Dürrekatrastrophe mit folgendem Mangel an Weizen oder Ähnliches, sonder dieses Phänomen wiederholt sich alljährlich. Zumindest in den Filialen, die sich "koscher" nennen, das Essen also so zubereiten, dass es den religiösen Regeln des Judentums entspricht.
Einmal im Jahr heißt das dann Verzicht auf alles, was säuert bzw. aufgeht. Weizen, Hopfen, Hefe usw. sind dann eben nicht mehr drin im Speiseplan. Bei manchen Gruppen sogar auch jegliche Art von Hülsenfrüchten (worunter auch der hier heißgeliebte Humus fällt, der aus Kichererbsen gemacht ist). Aber wann und warum eigentlich.
Es geht um das Passah Fest, die Feier der Befreiung des Volkes Israel aus der Sklaverei in Äypten. Das entsprechende Datum wird nach dem jüdischen Kalender berechnet, welcher sich nach dem Mond richtet. Der 15.-21. Nisan (so heißt einer der jüdischen Monate), also die Tage des Festes, liegen nach unserem Kalender in etwa im April. Wo genau, verschiebt sich jedes Jahr. Dieses Jahr war es die Woche direkt vor Ostern, die Karwoche.
Schaut man in die Bibel, z.B. in 2.Mose 12, findet man das Gebot in dieser Fest-Woche nur ungesäuertes Brot zu essen. In der Verbindung mit dem Auszug Israels aus Ägypten versteht man es nur sinnvoll, wenn man bedenkt, dass es zur damaligen Zeit keine Hefe gab, wie wir sie heute haben. Man macht mal schnell einen Teig, schmeißt etwas Hefe hinein, stellt ihn an einen warmen, trockenen Ort und wartet eine Stunde. Schon ist der Teig aufgegangen. So einfach war es damals nicht. Wollte man einen Sauerteig herstellen musste einige Zeit mitbringen. Tage oder eine Woche, wie lange, weiß ich nicht genau, aber auf jeden Fall länger, als wir es heute kennen. Wer also schnell flüchten muss/will, der hat keine Zeit mehr noch auf seinen Sauerteig zu warten und muss deshalb ungesäuertes Brot backen, z.B. Fladenbrot (aber nicht das, was immer so schön aufgegangen ist).
Da im Judentum das Erinnern sehr groß geschrieben wird - man versucht sich in das Geschehene hineinzuversetzen, es sich so zu vergegenwärtigen, als ob man selbst dabei wäre, man gleich aufbrechen müsste, um auszuziehen aus Ägypten - spielt eben auch dieses Gebot eine wichtige Rolle und wird zumindest von den orthodoxen Juden eingehalten. Deshalb muss auch McDonald's sich daran halten, falls sie dieser großen Gruppe an Menschen überhaupt etwas verkaufen wollen. Brötchen sind dann eben nicht mehr aus Weizenmehl, sondern aus Kartoffelmehl.
Werbung für das koschere Menü zum Passah Fest



Das entsprechende Zertifikat, dass auch alles seine Richtigkeit hat.
Der Burger



In den Geschäften ist abgesperrt, was nicht in dieser Woche koscher ist.


Gründonnerstagsgottesdienst in der armenischen Kirche.



Karfreitag in der Grabeskirche

Und vor der Grabeskirche

Sonntag, 30. März 2014

Alles eine Frage der Perspektive

Sicherlich haben einige von euch in den letzten Wochen etwas von dem neuen Gesetz mitbekommen, welches mitlerweile in Israel erlassen wurde. Vielleicht in den Nachrichten oder online.
Es geht darum, dass in Zukunft auch die Ultra-Orthodoxen (genannt: Charedim) zum Militär müssen. Bzw. zumindest ein Teil von ihnen. Man will langsam anfangen und dann nach und nach immer mehr einziehen, bis irgendwann nur noch die besten Tora/Talmud-Schüler nicht dienen müssen.
Klingt für unsere Ohren eigentlich sinnvoll. Gleiches Recht für alle. Doch dagegen gingen die Charedim auf die Straße. Mindestens 300.000 Leute (etwa 3,75% der Einwohner Israels - in Deutschland wären das etwa 3.000.000 Leute) protestieren und beteten friedlich in Jerusalem. Der Verkehr war lahmgelegt. Überall Menschen, vor allem Männer in der typischen Kleidung (siehe Bilder).

Was bisher geschah
Bisher war jeder, der auf einer Jeshiwa, also einer religiösen Schule mindestens 5 Jahre studierte vom Militärdienst befreit. Heißt also, dass die allermeisten Männer aus dem Milieu der Charedim nicht eingezogen wurden, sondern auf diese Schulen gingen. Dazu muss man wissen, dass in diesem Milieu das Torah-Studium das komplette Leben eines Mannes einnimmt, zumindest ist dies das Idealbild. Er geht am besten weder arbeiten noch tut sonst irgendetwas anderes, als allein die Torah zu studieren und die religiösen Gebote, die Mitzwot zu halten. Oftmals ist es daher so, dass die Familien starke finanzielle Probleme haben (obwohl sie vom Start subventioniert werden), gleichzeitig aber nicht selten 8-10 Kinder. Denn jedes Kind gilt als Segen und der Geschlechtsverkehr ohne Verhütung ist religiöse Pflicht.
Frauen haben eine besonders große Last zu tragen. Sie bekommen viele Kinder, schmeißen den Haushalt und gehen am besten noch irgendwo arbeiten.
Der soziale Durck in diesen Gruppierungen ist natürlich groß. Aussteigen ist schwierig. Man sieht die Familie nie wieder, man hat keine Ausbildung, keine sozialen Kontakte mehr usw. Obwohl ich vor kurzem vom einer (deutschen) Freundin hörte, dass Aussteiger schätzen, dass bis zu 1/3 der Charedim eigentlich innerlich nichts oder nur wenig mit all dem anfangen können.
Doch wie kam es überhaupt dazu, dass sie sowohl vom Militärdienst befreit waren, als auch vom Staat Unterstützung bekommen? Als David Ben Gurion am Anfang des Staates dessen Premierminister war machte er mit den damals etwa 400 Charedim einen Pakt. Sie bekommen die Vorzüge, er ihre Stimmen bei den Wahlen. Im Laufe der Zeit haben diese sich jedoch so stark vermehrt, durch Fortpflanzung und Zuzug von Außen, dass sie mittlerweile mindestens 5-10% des Staates ausmachen. Schließlich klagten fast alle anderen Israelis darüber, dass sich diese Gruppierungen nicht an der Gesellschaft beteiligen und dann auch noch Geld von eben dieser Gesellschaft bekommen.

Soweit so gut. Das neue Kabinett beschloss nun, dass eben auch diese jungen Männer ihren Dienst im Militär ableisten müssen oder ins Gefängnis kommen. Wie das wahrgenommen wird, habe ich mal in 3 Statements kurz zusammengefasst.

Der Charedi (Ultra-Orthodoxe):
Wenn es nach ihm geht, dann ist dieses Gesetz ein Schlag gegen die Religionsfreiheit. Man wird dafür eingesperrt, dass man die jüdischen Schriften studiert, soetwas gibt es sonst nirgends auf der Welt. Und eigentlich sollten dies doch alle jüdischen Männer tun. Damit, dass man die Schriften studiert tut man der Gesellschaft doch eigentlich einen Dienst. Es kann nicht sein, dass ein Staat der sich jüdisch nennt genau gegen dieses Judentum vorgeht.

Die säkulare Freundin, die einst orthodox war:
Das die Charedim unterstützt werden und sich nicht an der Gesellschaft beteiligen geht gar nicht. Gerade die finanzielle Unterstützung kann nicht sein, da das Leben in Israel in finanzieler Hinsicht sowieso schon äußerst schwierig ist und immer mehr junge Leute überlegen auszuwandern. Sie findet, dass Militär und Charedim nicht zusammenpassen, meint aber, dass diese wenigstens einen Sozialdienst machen könnten. (Was wohl bisher nicht im Gesezt vorgesehen ist.) Dabei könnten sie ja sogar religiöse Gebote, Mitzwot erfüllen.

Der säkulare Freund:
Er meint, dass es auf Dauer Ziel der Regierung sei, die Charedim in einen Sozialdienst zu bringen. Das Problem der Rabbiner, die gegen das neue Gesetz zum Protest aufrufen, ist seiner Meinung nach, dass dadurch die Charedim nicht mehr gezwungen sind min. 5 Jahre in die Jeshiwa zu gehen. Vorher waren sie es faktisch, wenn sie eben nicht zum Militär wollten. Viele werden also entweder kürzer oder gar nicht mehr gehen, was den entsprechenden Rabbinern nicht gefällt. (Wobei ich mich bei diesem Punkt frage, warum sie gar nicht mehr gehen sollten, wenn es doch faktisch Lebensgrundlage dieser Leute ist.)

Und wir? Wir machen uns manchmal etwas lustig darüber, weil wir uns fragen, wie man das bitte umsetzen will. Man kann ja schlecht jedes Jahr tausende junge Leute ins Gefängnis werfen. Da kam dann doch noch eine gute Idee auf: Man könnte um die Jeshiwot (Plural von Jeshiwa) ja einfach Zäune ziehen und sie so zu Gefängnissen umwandeln, dann wären doch sicher alle froh. Die einen könnten in Ruhe Torah studieren, die anderen wissen, dass auch die Charedim bestraft werden, weil sie nicht im Militär dienen. ;-)

Typische Kleidung wie im 19.Jh. in Osteuropa. Schwarzer Anzug und Hut. Dazu Schläfenlöckchen (vorne beim Sanitäter) und die Kippa.

Hinten das Zentrum um verlorengegangene Kinder wiederzufinden.


Wir mitten in der Masse. Rechts die Frauen, welche eigene Straßen zugeteilt hatten.
"War against religion." Krieg gegen Religion.



Keine Massenkarambolage, sondern geparkte Autos.

Dienstag, 11. Februar 2014

Zwischenbericht



hallo ihr,
heute gebe ich einfach mal meinen Zwischenbericht zum Besten, den ich für meinen Stipendiengeber verfasst habe. (http://info.brot-fuer-die-welt.de/stipendienprogramm/stipendien-fuer-auslaendische)
 
„Und auf welcher Sprache sind deine Vorlesungen?“
Diese Frage wurde mir schon manches Mal gestellt, nachdem ich erzählt habe, dass ich für ein Jahr an der Hebrew University Jerusalem studiere. Die Antwort „Hebräisch“ löst immer wieder ein wenig Erstaunen aus, da viele davon ausgehen, dass meine Vorlesungen und Seminare auf Englisch seien.
Nachdem der Sommerulpan Anfang Oktober abgeschlossen war, begann kurze Zeit später das erste Semester, in dem ich weiterhin einen Sprachkurs besuchte. Die ersten Vorlesungen und Seminare begannen und schnell merkte man, dass das eigene Verstehen stark vom Gegenüber abhängt. Verstand man im vorigen Ulpan noch fast alles, merkte man spätestens jetzt, dass die dort verwendete Sprache stark auf unser Niveau abgestimmt war. Im richtigen Universitätsalltag war und ist dies natürlich anders. Manche Dozenten sprechen sehr schnell, manche langsam, manche benutzen viele einfache Vokabeln, manche viele schwierige. Immer noch verstehe ich in den Kursen nicht jedes Detail, doch ich merke immer wieder wie sehr sich mein Sprachvermögen seit dem Beginn des Semesters bereits verbessert hat.
Aber nicht nur in den Hörsälen braucht die Sprachfertigkeit Übung, sondern auch bei den normalen Gesprächen auf der Straße, mit den Sprach-Tandem-Partnern oder mit den Kommilitonen in der Uni. Es ist nicht immer einfach auszudrücken, was man meint und zu verstehen, was das Gegenüber antwortet. Ich merke, dass die Sprache immer noch eine Barriere für mich darstellt, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Leider wechseln die Gesprächspartner oftmals schnell ins Englische, wenn sie merken, dass Hebräisch nicht die Muttersprache ist, was das Üben natürlich nicht einfacher macht. Doch andererseits ist es auch schön zu merken, wenn man dann doch ins Gespräch kommt und sich über eine Stunde lang auf Hebräisch nicht nur über den alltäglichen Smalltalk, sondern auch über Studieninhalte und andere Themen unterhalten kann.
Eine andere Erfahrung, die auch mit dem Sprachvermögen zusammenhängt, ist es zu merken, was es heißt Fremder, Ausländer an einem Ort zu sein. Schnell kommt man in die „Gefahr“ vor allem mit Menschen etwas zu unternehmen, die die eigene Muttersprache können, da dies schlicht und ergreifend bequemer und angenehmer ist. Dadurch ergibt sich jedoch leider die Konsequenz, dass man weniger Zeit hat um etwas mit den Einheimischen zu unternehmen. Dabei hemmt immer wieder, wie oben bereits angemerkt, die unterschiedliche Sprachbasis Begegnungen. Auf Deutsch kann man deutlich einfacher sagen, was man möchte, was und wie man politisch und religiös denkt usw. Ich merke, wie schwierig es sein kann sich intensiv in eine Gesellschaft hineinzubegeben, wenn man auch die Möglichkeit hat in dem Gewohnten zu bleiben. Es ist immer wieder eine Herausforderung sich aus dem Gemütlichen zu begeben und auf das zuzugehen, womit man sich eigentlich gerne noch viel mehr beschäftigen möchte. Und ich stelle fest, wie hilfreich es ist und dass ich dankbar dafür bin, wenn Menschen auf mich zukommen, mich ansprechen und wir ins Gespräch kommen. Es ist gut diese Erfahrung des Fremd-Seins zu machen und sie erinnert mich immer wieder an den Bibelvers aus Levitikus 19,33-34: „Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der HERR, euer Gott.“ Es fordert mich heraus mich selbst zu fragen, wie ich auf Fremde zugehe, in Kontexten, in denen ich der Einheimische bin.
Ist man im Land der Bibel unterwegs trifft man natürlich auch auf die unterschiedlichsten jüdischen und christlichen Strömungen. Von Orthodox über Katholisch, Lutherisch, Anglikanisch, Messianisch, Charismatisch usw. trifft man hier auf jegliches christliches Milieu. Je nach Kontext erlebt man unterschiedliche theologische Auslegungen und damit verbunden auch politische Überzeugungen. Es gibt die absoluten Verteidiger Israels, es gibt die absoluten Ablehner Israels. Es gibt die einen, die die Judenmission als wichtiges Ziel ansehen, es gibt die anderen, die sie völlig ablehnen. Manche kommen aus diesem Land, wie die arabischen Christen oder die messianischen Juden, viele andere sind zugewandert, wie die griechischen, äthiopischen oder chinesischen Mönche und Nonnen. Will man andere Christen kennen lernen hat man die Qual der Wahl. Ich war in anglikanischen, lutherischen, arabischen, armenischen, charismatischen, katholischen und messianischen Gottesdiensten (wobei sich manche dieser Kategorien auch überschneiden) und durfte dabei auch Mitglieder dieser Gemeinden kennen lernen, was ich immer wieder als Schatz und Reichtum erlebe. Doch das Gefühl sie ausschöpfend kennen gelernt zu haben besteht noch lange nicht.
So freue ich mich auf ein weiteres halbes Jahr hier in Jerusalem, auf ein neues Semester im Universitätsalltag, auf interessante Abende und Exkursionen mit dem Programm von Studium-in-Israel e.V. und hoffentlich viele weitere Begegnungen mit den unterschiedlichen Menschen hier vor Ort.

Mittwoch, 15. Januar 2014

Weihnachten und Silvester



Weihnachten ohne Weihnachten und Silvester ohne Silvester. Ein bisschen so ist es, wenn man in Israel diese beiden Feste feiert, zumindest, wenn man "Typisches" erwartet. Wie z.B. frei zu haben - das die ganze Stadt geschmückt ist - das man Böller und Raketen aus allen Ecken hört - mit der Familie zusammen zu sitzen usw. Wobei zumindest letzteres ja auch in Deutschland bei Weitem nicht bei allen Menschen so ist.

Weihnachten
Eigentlich ist in Israel natürlich auch an Weihnachten Uni, wieso auch nicht. Wie in Deutschland eben vor allem die christlichen Feste frei sind, sind es eben in Israel die jüdischen. Aber dennoch haben sich die meisten von uns ein paar Tage freigenommen, aus religiösen Gründen darf man, soweit ich weiß, sogar offiziell fehlen.
Nachdem in unserem Haus an Chanukka (sozusagen das Äquivalent zu den Adventskerzen, dauert 8 Tage) an jedem Abend eine andere Wohnung ihre Türen geöffnet hatte - obwohl in unserem Haus fast nur Säkulare wohnen - und die kleine Zeremonie mit allerlei Leckereien abgehalten hatte, dachten Matze und ich uns, drehen wir das ganze doch an Weihnachten einfach mal um. Gesagt getan, so luden wir 4 Freunde ein. Schließlich konnten leider ein paar Leute nicht, sodass wir zunächst nur zu viert waren. Wir und 2 israelische Freundinnen.
Die Küche war ein wenig weihnachtlich dekoriert, der Adventskranz brannte, Musik lief im Hintergrund und es gab leckeres Essen. Im Laufe der Zeit kamen nach und nach unsere Nachbarn vorbei - die wir vorher auch eingelaen hatten - setzen sich eine zeitlang dazu, aßen etwas und gingen irgendwann wieder. Schließlich schauten Matze und ich auf die Uhr und merkten, dass wir viel zu spät dran sind. Schnell hörten wir noch die Weihnachtsgeschichte - auf hebräisch - hatten aber leider keine Zeit mehr ein paar Lieder zu singen. Nun gut, die gab es dafür in der Kirche, wo unsere beiden Gäste noch mit hinkamen.
Danach trennten sich unsere Wege. Die beiden gingen nach Hause, Matze und ich schlossen uns dem Zug an, der sich auf die Wanderung nach Bethlehem machte. Etwa 150 zumeist junge Leute wanderten dann wie die Hirten nach Bethlehem. Gegen 24h ging es los und gegen 2:50h waren wir da. Um die Zeit war alles andere bereits vorbei. Die lange schlange, die ansonsten vor der Grotte steht, wo man die vermeintliche Geburtsstelle Jesu identifieziert hat, war nur eine kurze Schlange. Danach ging es mit Taxen wieder zurück nach Jerusalem.

Silvester
Auch Silvester wird nicht gefeirt, bzw. nicht am 31. Dezember, denn das jüdische Neujahrsfest war ja schon im September (siehe irgeneinen der alten Posts).
Trotzdem feierten wir mit Dinner for one, anderen Deutschen und Feuerwerk, denn die deutsche EKD Auslansgemeinde veranstaltete eine Silvesterparty. Mit etwa 70 Leuten gings ins neue Jahr, eine Stunde früher als in Deutschland. Pünklich um Mitternacht knallte es im Innenhof der Gemeinderäume und Feuerwerk flog in die Luft. Zwar waren wir nicht die Einzigen die so etwas machten, doch viele andere gab es nicht.

Zum Schluss noch ein paar Bilder: